Kopftuch und Pluralismus in Deutschland

August 4, 2004
Ich habe mir sehr oft Gedanken darüber gemacht, ob der Staat rechtfertigt ist, Beamten ihre Rechte auf die Freiheit der Religion zu untersagen, um einem Prinzip wie dem Neutralitätsprinzip des Grundgesetzes treu zu bleiben. Diese Gedanken führen mich immer zu verwandten Fragen: um “neutral” zu sein, muss der Staat der Religion feindlich gegenüber begegnen? Oder anders gesagt, muss der Staat, nur weil er neutral bleiben möchte, von seinen Beamten fordern, sie seien ohne Religion? Oder bedeutet die Neutralität vielmehr, dass der Staat keine einzige Religion über andere Religionen offiziell fördert–oder sogar zum Schaden einiger Religionen im Interesse einer vom Staat vorgezogenen Religion?

Obwohl es gesagt werden kann, eine Lehrerin, weil sie “Beamtin” sei, vertrete auf einer Weise den Staat, ist sie aber trotzdem kein Roboter geworden, weil sie vom Staat angestellt worden ist. Vielmehr bleibt sie eine menschliche Person mit allen dazu gehörigen Rechten. Dieses Prinzip sollte dem Staat keinen Angst einjagen. Ich verstehe doch nicht warum der Pluralismus als Bedrohung angesehen wird. Eine Hamburger Schriftstellerin, Barbara Vinken, hat es sehr gut zum Ausdruck gebracht, als sie bezüglich des Kopftuchstreits sagte, “weder ist ein Staat schwanger noch trägt er Mini, wenn eine Lehrerin dies ist oder tut”. Sicher ist das ein höhnischer Ausdruck, doch steht was Interessantes drin. Mit anderen Worten, die persönliche Wahl einer Lehrerin, das Kopftuch zu tragen, ist nicht auf den Staat übertragbar. Wenn die Lehrerin meint, das Kopftuchtragen sei von ihrer Religion gefordert, heiße das überhaupt nicht, der Staat bevorzuge den Islam. Man mag das Argument vorbringen, der Staat sei nicht erlaubt, laut des Kruzifix-Urteils des Bundesverfassungsgerichts (93 BVerfGE 1, 16. Mai 1995), Kruzifixe in staatlichen Lehrsäulen hängen zu lassen. Also dürfe eine muslimische Lehrerin das Kopftuch nicht tragen.

Doch finde ich, dieses Argument sei verfehlt. Das Hängen eines Kruzifixes in einem staatlichen Klassenzimmer ist doch ein positiver Akt des Staates. Man kann kaum darauf bestehen, der Staat bevorzuge den christlichen Glauben nicht, indem er das Hängen von Kruzifixen in Klassenzimmern anordnet. Durch diesen positiven Akt des Staates fördert er auf eine positive Weise eine Religion unter Ausschluss anderer. Wenn aber eine Lehrerin die persönliche Entscheidung trifft, ein Kopftuch zu tragen, ist das doch kein Akt des Staates, sondern eine persönliche Wahl der Lehrerin. Wenn der Staat das Tragen eines Kopftuches von Lehrerinnen duldet, heisst das nicht, dass er den Islam bevorzuge, sondern das heisst, dass er den religiösen Pluralismus fördere. Wenn die Lehrerin ein Kopftuch trägt, trägt der Staat doch kein Kopftuch (aber der Staat hängt doch die Kruzifixe im Klassenzimmer, also sollte das im Interesse des Neutralitätsprinzips untersagt werden).

Man mag argumentieren, die Kinder hätten keine Ausweichsmöglichkeiten, also sollte eine Lehrerin nicht erlaubt werden, ein Kopftuch während des Unterrichts zu tragen. Kinder sollten gefährlichen oder ungewünschten Einflüssen entgehen können, sonst können Solche den Kindern irgendwie schaden. Anscheinend befürchten manche Eltern, die Kinder werden sich zum Islam bekehren wollen, wenn sie ständig und ohne Ausweichsmöglichkeiten von einer kopftuchtragenden Lehrerin konfrontiert werden. Weil Eltern ausdrücklich das Erziehungsrecht genießen–und ich finde das vollkommen in Ordnung–verstehe ich diese den Eltern besonders naheliegenden Bedenken.

Doch bin ich der Meinung, dass diese Bedenken unbegründet seien. Vielmehr werden Kinder, die täglich eine kopftuchtragende Lehrerin sehen, etwas wichtiges über die Toleranz und den religiösen Pluralismus lernen. Wenn sie selber nicht Muslime sind, werden sie erfahren, dass andere Leute andere religiösen Einstellungen haben (natürlich aber darf die Lehrerin nicht während des Unterrichts über die Prinzipien des Islams sprechen, es sei denn es komme im Rahmen eines formellen Religionsunterrichts, der nicht nur den Islam sondern auch die anderen Weltreligionen umfaße, wie es in den Schulen vieler Staaten schon üblich ist).

Noch wichtiger werden Kinder lernen, dass der Staat in dem sie leben, den Pluralismus als hohen Wert ansieht, erlaubt, und sogar fördert. Eine solche Lektion wäre nützlicher und wichtiger, meiner Meinung nach, als ganze Vorlesungen über religiöse Toleranz und den Pluralismus. Die Kinder, die sowas auf dieser Weise gelernt haben, dürfen mit Recht stolz auf ihrem Land sein, denn es wird ein Land des Pluralismus sein, wo Leute frei sind, nach den Prinzipien ihrer jeweiligen Religionen zu leben, und wo Leute nicht vor die Wahl gestellt werden, entweder zu arbeiten oder gemäß ihrem (religiösen) Gewissen zu handeln.

Also bin ich der Meinung, dass Lehrerinnen für die oben angeführten Gründe Kopftücher während des Unterrichts sollten tragen dürfen. Ich finde, dass das den Pluralismus fördert, ohne irgendjemandem zu schaden, und ohne eine bestimmte Religion zu unterstützen: christliche Lehrer(innen) dürfen weiterhin ihre Kreuze tragen, Juden dürfen ihre Kippas tragen, Sikhs dürfen ihre Turbane tragen, und Atheisten dürfen gar nichts tragen (d.h. keine religiösen Hinweise), ohne vom Staat gescholten zu werden, denn der Staat fördert keine Religion, und untersagt nicht die religiöse Freiheit seiner Bürger. Ich wollte mich darauf einlassen, denn ich finde, dass der Kopftuchstreit sich um die Freiheit der Religion, die Trennung von Kirche und Staat, und die staatliche Neutralität (oder besser gesagt, die staatliche Feindstellung gegenüber der Religion? Das läßt sich noch sehen) dreht.


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