Kopftuch und Pluralismus in Deutschland

Ich habe mir sehr oft Gedanken darüber gemacht, ob der Staat rechtfertigt ist, Beamten ihre Rechte auf die Freiheit der Religion zu untersagen, um einem Prinzip wie dem Neutralitätsprinzip des Grundgesetzes treu zu bleiben. Diese Gedanken führen mich immer zu verwandten Fragen: um “neutral” zu sein, muss der Staat der Religion feindlich gegenüber begegnen? Oder anders gesagt, muss der Staat, nur weil er neutral bleiben möchte, von seinen Beamten fordern, sie seien ohne Religion? Oder bedeutet die Neutralität vielmehr, dass der Staat keine einzige Religion über andere Religionen offiziell fördert–oder sogar zum Schaden einiger Religionen im Interesse einer vom Staat vorgezogenen Religion?

Obwohl es gesagt werden kann, eine Lehrerin, weil sie “Beamtin” sei, vertrete auf einer Weise den Staat, ist sie aber trotzdem kein Roboter geworden, weil sie vom Staat angestellt worden ist. Vielmehr bleibt sie eine menschliche Person mit allen dazu gehörigen Rechten. Dieses Prinzip sollte dem Staat keinen Angst einjagen. Ich verstehe doch nicht warum der Pluralismus als Bedrohung angesehen wird. Eine Hamburger Schriftstellerin, Barbara Vinken, hat es sehr gut zum Ausdruck gebracht, als sie bezüglich des Kopftuchstreits sagte, “weder ist ein Staat schwanger noch trägt er Mini, wenn eine Lehrerin dies ist oder tut”. Sicher ist das ein höhnischer Ausdruck, doch steht was Interessantes drin. Mit anderen Worten, die persönliche Wahl einer Lehrerin, das Kopftuch zu tragen, ist nicht auf den Staat übertragbar. Wenn die Lehrerin meint, das Kopftuchtragen sei von ihrer Religion gefordert, heiße das überhaupt nicht, der Staat bevorzuge den Islam. Man mag das Argument vorbringen, der Staat sei nicht erlaubt, laut des Kruzifix-Urteils des Bundesverfassungsgerichts (93 BVerfGE 1, 16. Mai 1995), Kruzifixe in staatlichen Lehrsäulen hängen zu lassen. Also dürfe eine muslimische Lehrerin das Kopftuch nicht tragen.

Doch finde ich, dieses Argument sei verfehlt. Das Hängen eines Kruzifixes in einem staatlichen Klassenzimmer ist doch ein positiver Akt des Staates. Man kann kaum darauf bestehen, der Staat bevorzuge den christlichen Glauben nicht, indem er das Hängen von Kruzifixen in Klassenzimmern anordnet. Durch diesen positiven Akt des Staates fördert er auf eine positive Weise eine Religion unter Ausschluss anderer. Wenn aber eine Lehrerin die persönliche Entscheidung trifft, ein Kopftuch zu tragen, ist das doch kein Akt des Staates, sondern eine persönliche Wahl der Lehrerin. Wenn der Staat das Tragen eines Kopftuches von Lehrerinnen duldet, heisst das nicht, dass er den Islam bevorzuge, sondern das heisst, dass er den religiösen Pluralismus fördere. Wenn die Lehrerin ein Kopftuch trägt, trägt der Staat doch kein Kopftuch (aber der Staat hängt doch die Kruzifixe im Klassenzimmer, also sollte das im Interesse des Neutralitätsprinzips untersagt werden).

Man mag argumentieren, die Kinder hätten keine Ausweichsmöglichkeiten, also sollte eine Lehrerin nicht erlaubt werden, ein Kopftuch während des Unterrichts zu tragen. Kinder sollten gefährlichen oder ungewünschten Einflüssen entgehen können, sonst können Solche den Kindern irgendwie schaden. Anscheinend befürchten manche Eltern, die Kinder werden sich zum Islam bekehren wollen, wenn sie ständig und ohne Ausweichsmöglichkeiten von einer kopftuchtragenden Lehrerin konfrontiert werden. Weil Eltern ausdrücklich das Erziehungsrecht genießen–und ich finde das vollkommen in Ordnung–verstehe ich diese den Eltern besonders naheliegenden Bedenken.

Doch bin ich der Meinung, dass diese Bedenken unbegründet seien. Vielmehr werden Kinder, die täglich eine kopftuchtragende Lehrerin sehen, etwas wichtiges über die Toleranz und den religiösen Pluralismus lernen. Wenn sie selber nicht Muslime sind, werden sie erfahren, dass andere Leute andere religiösen Einstellungen haben (natürlich aber darf die Lehrerin nicht während des Unterrichts über die Prinzipien des Islams sprechen, es sei denn es komme im Rahmen eines formellen Religionsunterrichts, der nicht nur den Islam sondern auch die anderen Weltreligionen umfaße, wie es in den Schulen vieler Staaten schon üblich ist).

Noch wichtiger werden Kinder lernen, dass der Staat in dem sie leben, den Pluralismus als hohen Wert ansieht, erlaubt, und sogar fördert. Eine solche Lektion wäre nützlicher und wichtiger, meiner Meinung nach, als ganze Vorlesungen über religiöse Toleranz und den Pluralismus. Die Kinder, die sowas auf dieser Weise gelernt haben, dürfen mit Recht stolz auf ihrem Land sein, denn es wird ein Land des Pluralismus sein, wo Leute frei sind, nach den Prinzipien ihrer jeweiligen Religionen zu leben, und wo Leute nicht vor die Wahl gestellt werden, entweder zu arbeiten oder gemäß ihrem (religiösen) Gewissen zu handeln.

Also bin ich der Meinung, dass Lehrerinnen für die oben angeführten Gründe Kopftücher während des Unterrichts sollten tragen dürfen. Ich finde, dass das den Pluralismus fördert, ohne irgendjemandem zu schaden, und ohne eine bestimmte Religion zu unterstützen: christliche Lehrer(innen) dürfen weiterhin ihre Kreuze tragen, Juden dürfen ihre Kippas tragen, Sikhs dürfen ihre Turbane tragen, und Atheisten dürfen gar nichts tragen (d.h. keine religiösen Hinweise), ohne vom Staat gescholten zu werden, denn der Staat fördert keine Religion, und untersagt nicht die religiöse Freiheit seiner Bürger. Ich wollte mich darauf einlassen, denn ich finde, dass der Kopftuchstreit sich um die Freiheit der Religion, die Trennung von Kirche und Staat, und die staatliche Neutralität (oder besser gesagt, die staatliche Feindstellung gegenüber der Religion? Das läßt sich noch sehen) dreht.

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7 Responses to Kopftuch und Pluralismus in Deutschland

  1. john f. says:

    I’ve written this in German but I hope anyone will feel free to comment on it in German or English, or whatever language you want (hopefully one that I understand).

  2. DeniseUMLaw says:

    Ummm, I am the classic, stereotypical one-language American. I can barely understand English, let alone any other languages. ::shakes head in dismay at her own ignorance::

  3. Grasshopper says:

    Mir ist es nicht so ganz klar, dass man den Unterschied zwischen Lehrerin als Vertreterin des Staates und Lehrerin als Person so leicht machen kann. Es scheint schon, dass Barbara Vinken Recht hat–der Staat trägt kein Kopftuch, wenn die Lehrerin es trägt. Aber es scheint auch, im Argument oben ausgelegt, dass es wahr ist, dass der Staat eine Religion fördert, wenn die Lehrerin es tut. Und genau deshalb wird es mit Recht verboten–wie oben gesagt, «natürlich aber darf die Lehrerin nicht während des Unterrichts über die Prinzipien des Islams sprechen».

    Es ist mir aber sogleich nicht recht, dass die Lehrerin ihre Rechte versagt, wenn sie Beamtin des Staates wird. Ich glaube, es kommt darauf an, ob die Tat der Lehrerin, die in Frage kommt, als Förderung verstanden werden soll. Das Tragen eines Kopftuchs scheint mir nicht etwas wie Proselytismus zu sein. Muß es sein, dass jeder religiöser Ausdruck des Staates eine Religion fördert?

  4. john f. says:

    Grasshopper: ich stimme Ihnen zu. Ich hoffe, dass Sie mich nicht falsch verstanden haben. Ich bin völlig der Meinung, dass Lehrerinnen das Kopftuch sollten tragen dürfen, dass wenn sie dies tun, missionieren sie überhaupt nicht für ihre Religion, sondern handeln sie nach deren Prinzipien, was der Staat ihnen nicht sollte untersagen dürfen, bloß weil sie etwa Beatminnen sind.

    Wenn der Staat ihnen das Tragen eines Kopftuchs erlaubt, kann das nicht bedeuten, meiner Meinung nach, dass der Staat die Religion der jeweiligen Lehrerin unterstützt. Indem der Staat dies tut, fördert er den religiösen Pluralismus an sich, und nicht irgendeine spezifische Religion.

  5. Grasshopper says:

    Ja, das hatte ich schon verstanden. Meine Bemerkungen haben mehr mit dem Grund Ihres Arguments zu tun als mit dem Ergebnis.

    Sie haben oben folgendes geschrieben: «Obwohl es gesagt werden kann, eine Lehrerin, weil sie “Beamtin” sei, vertrete auf einer Weise den Staat, ist sie aber trotzdem kein Roboter geworden, weil sie vom Staat angestellt worden ist. Vielmehr bleibt sie eine menschliche Person mit allen dazu gehörigen Rechten.»

    Aber es stimmt nicht, dass sie «allen dazu gehörigen Rechten» behält, weil sie natürlich ihre Religion nicht, als Vertreterin des Staates, fördern darf, obwohl es ihr Recht als privater Person ist.

    Aber Sie haben bestimmt Recht, dass die Förderung von religiöser Pluralismus im Interesse des Staates ist. Deshalb sollte der Staat das Tragen des Kopftuchs erlauben, weil diese Tat selbst keine religiöse Förderung ist.

  6. John:

    My language skills are not such that I can comment on this discussion auf Deutsch (nor do I have anything to add, really — Grashopper summed my thoughts up quite well), but I just wanted to let you know that there’s at least one other reader out there who enjoyed the German post and looks forward to more.

    ~~Wm

  7. D’oh! I should have read your entire post on the front page first.

    I still think that multi-lingual blogging is a cool idea for the Bloggernacle. In fact, it’d be a great way for RM’s who served foreign language missions to keep up their skills.

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